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Personalisierung in der Onkologie erfordert Umdenken

Aktuelle Meldungen Donnerstag, 24. März 2011

Onkologische Therapien werden immer stärker auf molekulare Charakteristika von Patienten zugeschnitten. Das bietet große Chancen für die Patienten und ist zudem eine Herausforderung für das System und den einzelnen Arzt.


Ärztezeitung, 24.03.2011, Von Philipp Grätzel von Grätz

BERLIN. Eine große Tageszeitung hatte Ärzte, die sich darum bemühen, tradierte Tumorentitäten anhand molekularer Charakteristika in Subgruppen zu untergliedern, als "Krankheitszerstückler" bezeichnet und meinte das durchaus nicht positiv.

Professor Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie an der Universität Köln, nahm den Begriff bei der Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) als Kompliment: "Unser Ziel muss es sein, zu immer perfekteren Krankheitszerstücklern zu werden."

KRAS-Bestimmung hilft therapeutisch weiter
Die mit dem "Zerstückeln" von Krankheiten einhergehende Ausdifferenzierung der Therapie wird in der Onkologie meist als Personalisierung bezeichnet. Wolf machte deutlich, dass hier mittlerweile eine erhebliche Dynamik herrscht.

Die Zeiten, in denen der monoklonale Antikörper Trastuzumab beim Mammakarzinom weit und breit das einzige Beispiel für die personalisierte Onkologie war, sind vorbei.

Bei Patienten mit Kolonkarzinom hilft zum Beispiel die Bestimmung von KRAS-Mutationen heute in vielen Fällen therapeutisch weiter. Und - bis vor Kurzem noch undenkbar - beim nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom hat die an den EGFR-Rezeptorstatus angepasste Therapie die Aussichten zumindest für einen gewissen Anteil der Patienten - in Westeuropa 8 Prozent, in Asien 30 Prozent - verbessert.

Bei Patienten mit einem Bronchialkarzinom setzt auch eine neue Option in der personalisierten Therapie an, die sich derzeit im Zulassungsprozess befindet. "Etwa 3 Prozent der Adenokarzinome weisen das EML4-ALK-Fusionsgen auf", betonte Wolf bei der von Pfizer unterstützten Veranstaltung.

Dieses neue Onkogen kann durch ALK-Hemmer blockiert werden. In Studien seien mit diesem Ansatz bei Patienten, die das Fusionsgen tragen, Ansprechraten von 60 bis 70 Prozent gesehen worden.

Große Fortschritte für zunehmend kleinere Patientengruppen, das ist ein Trend, der in dem gesamten Konzept der Personalisierung der Onkologie angelegt ist.

Privatdozent Stephan Schmitz, niedergelassener Onkologe in Köln, beschäftigte sich mit der Frage, wie speziell die ambulante onkologische Versorgung in Zeiten einer personalisierten Forschung mit entsprechend vielen unterschiedlichen Studien sinnvoll organisiert werden kann.

Schmitz plädierte für den Aufbau regionaler Netzwerke aus onkologischen Kompetenzzentren, Versorgungskrankenhäusern und niedergelassenen Onkologen, die in Studien eingebunden sind, ohne dass notwendigerweise jede Einrichtung an den gleichen Studien teilnehmen müsse.

Ein Netzwerk mit klaren Regeln und klar formulierten Interessen der einzelnen Netzwerkpartner ermögliche es vielmehr, dass Patienten jeweils dorthin überwiesen werden können, wo die entsprechende Studie läuft.

Der einzelne Arzt muss dann nicht die Sorge haben, Patienten zu verlieren, weil er sich durch die Netzwerkstruktur und das enge Verhältnis der Kollegen darauf verlassen kann, ebenfalls Patienten überwiesen zu bekommen. "So ein Netzwerk mit Leben zu erfüllen, ist nicht einfach, aber es geht", so Schmitz, der mit vielen Kollegen seit einem Jahr in Köln in einem solchen Netzwerk engagiert ist.

Qualitätssiegel "QuiP" - Auszeichnung für Pathologen
Nicht ganz ohne ist in einer Welt der personalisierten Onkologie auch die Organisation der pathologischen Diagnostik, wie der Pathologe Professor Manfred Dietel von der Charité Berlin betonte.

"Tumorproben für die molekulare Diagnostik müssen manuell disseziert und morphologisch kontrolliert werden. Das kann nicht jeder Pathologe, und es muss auch nicht jeder können."

Hinweise auf eine qualitätsgesicherte Molekulardiagnostik gibt das Qualitätssiegel "QuiP", mit dem Pathologen ausgezeichnet werden, die etwa bei der KRAS- oder EGFR-Diagnostik bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen.

"Welche Einrichtungen zertifiziert sind, ist im Internet bei der Deutschen Gesellschaft für Pathologie einsehbar", so Dietel. Viele Pathologen ohne Zertifikat kooperieren für diese speziellen Fragen mit entsprechend zertifizierten Kollegen.