Stellungnahmen

Corona und Langzeitfolgen

Corona, Aktuelle Meldungen, Pathologie in den Medien, Startseite Mittwoch, 07. Oktober 2020

Beitrag ARD plusminus


https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/sendung-vom-07-10-2020-corona-100.html


Wissenschaftler warnen vor unerwarteten Langzeitfolgen für Corona-Patienten – selbst bei zunächst milden Krankheitsverläufen. Viele Betroffene haben mit gesundheitlichen Belastungen und finanziellen Sorgen gleichermaßen zu kämpfen.

Schwer krank nach wochenlangem Koma

Heiligendamm an der Ostsee. In einer Rehaklinik geht es mit Reiner und Karin L. ganz langsam wieder bergauf. Im März hatten sich beide mit dem Virus infiziert. Sie hatte zunächst nur milde Symptome und fühlte sich etwas schlapp. Er dagegen musste völlig unerwartet um sein Leben kämpfen: Wochenlang auf der Intensivstation an der Beatmungsmaschine, im künstlichen Koma.

Karin L.: „Nachdem die mir gesagt haben, Sie müssen verstehen, ihr Mann schwerst krank, schwerst krank, und wir wissen nicht, ob er es schafft…“

Reiner L.:Das ist sicherlich auch ein großer Anteil von Glück gewesen, dass ich das überlebt habe.“

Auch nach leichtem Covid-Verlauf später massive Folgen

Beide fühlten sich vorher kerngesund und waren viel unterwegs. Ein halbes Jahr nach der Ansteckung leiden sie immer noch an den Langzeit-Folgen. Seine Leberwerte sind um das 10-fache erhört. Er fühlt sich kraftlos und stark leistungsgemindert. Beide haben Konzentrationsschwierigkeiten, im Alltag vergessen sie die einfachsten Dinge. Sie klagt über den immer noch beeinträchtigten Geruchs- und Geschmackssinn und monatelangen Haarausfall.

Karin L.: „Mir ist dann im Mai, Juni aufgefallen, dass ich auf einmal Haarausfall bekommen habe, also das normale Kämmen hat man ja immer welche Haare in der Bürste, aber dass das schon wesentlich mehr war.“

Reiner L.: „Wortfindungsstörungen, ich frage meine Frau, wie heißt der nochmal, wer was das nochmal, dass ich mir Namen nicht mehr merken kann, dass ich Termine nicht auf die Reihe kriege, wenn ich Besorgungen zu erledigen habe, dass ich das vergesse.“

Angeblich „Genesene“ tatsächlich schwer krank

Nach der amtlichen Statistik gelten mittlerweile über 260.000 Corona-Kranke in Deutschland als genesen. Das Ehepaar L. ist da auch mit erfasst. Für ihre Reha-Ärztin Jördis Frommhold sind diese offiziellen Zahlen trügerisch. Deshalb klärt sie in den Medien über die Langzeitfolgen auf. Viele angeblich Gesunde seien in Wirklichkeit noch schwer krank.

Dr. med. Frödis Frommhold, Fachärztin für Innere Medizin und Lungenheilkunde am der MEDIAN Klinik Heiligendamm:
„Die Patienten die zu uns kommen, sind häufig noch schwer gekennzeichnet, haben Lähmungserscheinungen, haben maximale Leistungseinschränkungen, haben psychosomatische Probleme und gelten in der Statistik vermeintlich als Genesene, sind sie aber in keinerlei Weise. Diese Patienten sind sicher nicht gesund und arbeitsfähig.“ 

Junge, einst fitte Patienten sind keine Seltenheit

Auch gesunde Menschen im besten Lebensalter sind häufig betroffen. Von der Akuterkrankung und den Langzeitfolgen. Ehepaar L. ist in der Rehaklinik keine Ausnahme.

Dr. med. Frödis Frommhold, Fachärztin für Innere Medizin und Lungenheilkunde, MEDIAN Klinik Heiligendamm:
„Vom Feuerwehrmann, Bundeswehrsoldat bis zum Triathleten waren da wirklich auch körperlich gut konstitutionierte Patienten dabei. Und auch die hatten mitunter einen akut schwerstgradigen Verlauf, mitunter auch mit langen Beatmungszeiten, aber auch Patienten, die vermeintlich einen milden Verlauf hatten, also in der Häuslichkeit verblieben sind, zeigen doch auch noch im weiteren Verlauf deutliche Einschränkungen.“

Charité Berlin. Professor David Horst obduziert Todesopfer von Covid-19. Bei vielen waren die Lungen schwer geschädigt. Aber auch andere Organe sind betroffen.

Prof. Dr. David Horst, Direktor Institut für Pathologie / Charité Berlin: 
„Wir sehen bei den Obduktionen auch, dass an anderen Organen Schäden entstehen. Zum Beispiel können sich in den Gefäßen Blutgerinnsel ausbilden, die dann zu schweren Schäden an Herz, Nieren, Leber oder auch am Gehirn führen können, so dass man von Covid-19 nicht nur von einer reinen Lungenerkrankung sprechen kann sondern andere Organe schwer in Mitleidenschaft gezogen werden.“ 

Noch keine 30 und schon hilfsbedürftig

Die 29-jährige Jennifer P. erkrankte im Mai an Covid-19. Fünf Monate später ist sie noch in stationärer Behandlung. Sie hat permanent stechende Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, kann kein Auto mehr fahren. In der Reha schafft sie nur wenige Stufen im Treppenhaus. Dann ist sie völlig außer Atem.

Jennifer P.: „Man schafft die ganz normalen Kleinigkeiten im Alltag nicht, zum Beispiel, die Küche zu putzen oder einfach Staubwischen in der Wohnung, den Staubsauger zu benutzen, Boden putzen, das schafft man halt alleine nicht mehr. Da braucht man Unterstützung, und wenn man bedenkt, dass man vorher den ganzen Tag unterwegs war, fit war, ins Fitnessstudio gegangen ist, ordentlich trainiert hat, ist das schon eine sehr starke Einschränkung.“   

Enorme psychische Belastung

Wenn aktiven und energiegeladenen Menschen plötzlich die Kraft fehlt, auch nur, um den Alltag zu bewältigen, dann ist das auch eine schwere seelische Bürde.

Dr. Ralf Schipmann, Chefarzt Klinik Martinusquelle Bad Lippspringe: 
„Die psychische Belastung bei den Corona-Patienten ist sehr auffällig, da sind ganz elementare Erlebnisse, Todesängste, Verlustängste, Trauer, die Alleinegelassen zu sein, sich nicht mit Angehörigen austauschen zu können. Und das führt manchmal zu Posttraumatische Belastungsstörungen, wo dann auch professionelle Hilfe notwendig ist in der Rehabilitation und auch weiter darüber hinaus.“

Finanznot wegen Arbeitsunfähigkeit

Ihren Beruf als operationstechnische Assistentin kann Jennifer P. bis heute nicht ausüben.

Und auch Reiner L. weiß nicht, wann er wieder als Buchhalter arbeiten kann. Viele Langzeit-Patienten haben inzwischen große, auch finanzielle Sorgen. Denn sie bekommen kein Gehalt mehr, sondern nur das deutlich geringere Krankengeld. Und auch das läuft irgendwann aus.

Jennifer P.: „Das war erst mal ein Schock für mich. Da sind natürlich auch die ersten Tränen geflossen, denn man denkt dran, oje, jetzt gibt es weniger Geld, und die Kosten, die laufen ja weiter.“

Reiner L.: „Das Problem ist, wie geht es danach weiter, ist man weiterhin im Krankenstand, hat man Anspruch auf irgendwelche Versicherungsleistungen von der Erwerbsminderungsrente oder kann man zur Hälfte arbeiten, muss man weniger arbeiten oder schafft man es wieder, voll einzusteigen? Diese Fragen sind alle ungeklärt, und die machen mir natürlich Angst.“

Mehr Unterstützung für Pandemieopfer gefordert

Eine zusätzliche finanzielle Unterstützung für Opfer der Pandemie gibt es derzeit nicht. Obwohl die Langzeitfolgen langwierig sind.

Dr. Ralf Schipmann, Chefarzt Klinik Martinusquelle Bad Lippspringe:
„Von unserer Seite ist es eben auch fast überraschend gewesen, dass wir das bei den Corona-Patienten so häufig sehen, dass eben wirtschaftliche Probleme auch so in den Vordergrund rücken, und man muss wirklich darüber nachdenken, ob man die Patienten noch etwas mehr unterstützen muss… Und wenn man gar nicht weiß, von der Perspektive her, wie lange geht das denn noch? Ich möchte wieder arbeiten, ich brauche mein Gehalt. Das ist ein großes Problem für viele Patienten.“

Mehr Obduktionen könnten Aufschluss bringen

Über die Langzeitfolgen weiß man noch sehr wenig. Nur 2 % aller Verstorben werden derzeit obduziert.

Prof. Dr. David Horst, Direktor Pathologie Charité Berlin:
„Es wäre ganz wichtig, dass von der Politik Rahmenbedingungen gesetzt werden, die uns eine höhere Obduktionsquote in Deutschland erlauben, mit entsprechender Vergütung an die Krankenhäuser. Weil wir nur mit vielen Obduktionen viel über diese Erkrankung lernen können.“

Bis dahin schauen viele Patienten in eine ungewisse Zukunft. Mit Jennifer P. mussten wir den Dreh vorzeitig beenden, weil sie einfach zu erschöpft war.

Ein Beitrag von Nicole Würth

Online-Bearbeitung: Ute Kunsmann

Der Beitrag wurde produziert vom Saarländischen Rundfunk (SR) für "Das Erste".

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