Pathologie in den Medien

Ovarialkarzinom: Aktuelle Behandlungsformen

Pathologie in den Medien Freitag, 18. Dezember 2015

Interview von Gabriele Brähler mit Frau Dr. med. Silvia Darb-Esfahani, Oberärztin am Institut für Pathologie an der Charité Berlin, Dezember 2015


Rund 8.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Eierstockkrebs, in der Medizin Ovarialkarzinom genannt. Privatdozentin Dr. med. Silvia Darb-Esfahani, Oberärztin am Institut für Pathologie an der Charité Berlin, erläutert aktuelle Behandlungsformen.

 

Dr. Darb-Esfahani, wie entsteht Krebs wie das Ovarialkarzinom?

Die Entstehung von Krebs ist ein komplexer Vorgang, in dem verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Aber um es ganz einfach zu beschreiben: Jede Zelle im menschlichen Körper hat eine ganz spezifische Aufgabe. Krebs entsteht dann, wenn Zellen plötzlich anfangen, sich auf Kosten anderer Zellen zu vermehren und sie sich den Kontrollmechanismen des Körpers entziehen.

 

Was löst diesen Prozess aus?

Die Ursache liegt bei den meisten, wenn nicht allen Krebsarten in genetischen Veränderungen. Welche Krebsart ausbricht, hängt davon ab, welche Gene betroffen sind. Bei einem Teil der Ovarialkarzinome (Eierstockkrebs) spielt das sogenannte BRCA1- oder BRCA2-Gen eine wichtige Rolle. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Frauen mit einem Ovarialkarzinom tragen diese Mutation seit Geburt in allen Körperzellen, haben sie also ererbt. Der Mediziner spricht hier von einer Keimbahnmutation.

In Familien, in denen Keimbahnmutationen im BRCA1/2-Gen vorkommen, finden sich gehäuft Ovarialkarzinome und Brustkrebs, aber auch andere seltenere Tumoren wie z.B. Buchspeicheldrüsenkrebs. Darüber hinaus finden sich in zirka 10 Prozent der Ovarialkarzinome sogenannte somatische BRCA-Mutationen, die nur im Tumor, nicht aber in der Keimbahn, das heißt nicht im Blut, vorkommen.

 

 

Wie sieht der aktuelle Stand der Therapie aus?

Die Standardtherapie bei Erstdiagnose eines Ovarialkarzinoms ist die operative Entfernung des gesamten Tumorgewebes sowie in den meisten Fällen eine anschließende Chemotherapie.

Kommt es nach erfolgreicher Tumortherapie später zu einem Wiederauftreten des Tumors, dem sogenannten Rezidiv, steht die Chemotherapie im Vordergrund. Die erneut auftretenden Ovarialkarzinome werden vom Pathologen analysiert. Für Tumoren mit ganz besonderen Charakteristika ist seit kurzem ein neuer Wirkstoff namens Olaparib auf dem Markt, der seit Dezember 2014 in Europa zugelassen ist. Tumoren mit einer nachgewiesenen BRCA-Mutation im Tumorgewebe oder im Blut sprechen sehr gut auf diesen neuen Wirkstoff an, jene ohne BRCA-Mutation jedoch nur selten. Bei Olaparib – um es ganz vereinfacht auszudrücken – wird mit Hilfe eines Enzyms der Zelltod der Krebszellen herbeigeführt.

 

Wie erkennt der Mediziner, ob eine entsprechende Veränderung der DNA vorliegt?

Der Pathologe bzw. die Abteilung für Molekularpathologie extrahiert die DNA aus dem Tumorgewebe und unterzieht sie mittels spezieller moderner Labortechniken einer sogenannten Sequenzierungsreaktion. Hierbei werden die genaue Struktur des BRCA1- und BRCA2-Gens bestimmt und Schäden in der Struktur, die so genannten Mutationen, nachgewiesen.

Bei den komplexen Untersuchungen wird unter anderem festgestellt, ob es sich bei den Tumoren um ganz bestimmte, aggressive Formen handelt. Dies ist neben anderen Parametern, die der Onkologe beurteilt, die Voraussetzung für ein Ansprechen des Tumors auf den neuen Wirkstoff. Der BRCA-Test am Tumorgewebe ist die schnellste Methode, um herauszufinden, ob eine Patientin mit rezidiviertem Ovarialkarzinom für eine Therapie mit Olaparib in Frage kommt.

Der Pathologe erstellt dann einen Befund mit Aussagen zur Prognose und dem Verlauf der Tumorerkrankung. Wir sprechen hier von der prädiktiven Diagnostik, die Voraussagen trifft für eine bestimmte Therapie – in diesem Fall eine Behandlung mit  Olaparib. Ziel ist es dabei, jeder Patientin eine maßgeschneiderte und möglichst effektive sowie schonende Therapie zu bieten.

 

Gibt es Besonderheiten für Frauen, bei denen ein erblich bedingtes Tumorleiden vorliegt?

Manche Patientinnen wurden schon in der Vergangenheit einer Bluttestung auf BRCA-Keimbahnmutationen unterzogen. Meist, um den Verdacht auf ein familiäres Tumorleiden zu prüfen. Wurde diese erbliche Veranlagung festgestellt und sind auch die anderen Voraussetzungen gegeben, können sie Olaparib erhalten, ohne dass der Tumor untersucht werden muss.

 

Wie wird festgestellt, dass ein Tumorleiden erblich bedingt ist?

Der Pathologe prüft bei seinen Untersuchungen nicht, ob ein erblich bedingter oder im Laufe des Lebens erworbener Mutationstyp vorliegt. Die Patientinnen müssen also nicht fürchten, dass der BRCA-Test im Tumorgewebe bei ihnen eventuell ein familiäres Tumorleiden nachweist. Manche Patientinnen möchten dies nicht wissen.

Andere Frauen, in deren Familie gehäuft Krebserkrankungen auftauchen, wünschen hier Klarheit. Bei ihnen werden weitere Untersuchungen in der Regel in einem Institut für Humangenetik durchgeführt. Vorab ist eine ausführliche Aufklärung und genetische Beratung der Patientin notwendig. Interessierte erhalten weitere Informationen zum Beispiel unter www.brca-netzwerk.de.

 

Wir haben uns in unserem Gespräch auf Frauen mit Eierstockkrebs konzentriert, bei denen eine BRCA-Mutation vorliegt, und die mit dem neuen Wirkstoff Olaparib behandelt werden können. Wie sieht die Behandlung der Frauen mit Ovarialkrebs, aber ohne BRCA-Mutation aus?

Patientinnen mit einem rezidivierten Ovarialkarzinom, für die Olaparib nicht in Frage kommt, entweder weil im Tumor keine BRCA-Mutation nachgewiesen wurde oder die anderen Anforderungen nicht erfüllt sind, erhalten eine Standardtherapie. Das ist in erster Linie eine Chemotherapie, die zumeist Platin-haltig ist. Je nach klinischer Situation kommen auch andere Substanzen in Betracht. In einigen Zentren wird unter Umständen auch erneut operiert.

Wie Sie sehen, wird – basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft – immer versucht, eine individuelle Therapie für jede Patientin zu entwickeln, auch wenn die sogenannten zielgerichteten Substanzen wie zum Beispiel Olaparib nicht zur Anwendung kommen können.

In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu erwähnen, dass der Nutzen von Olaparib noch nicht abschließend geklärt ist. Zwar geben die vorhandenen Daten eine ausreichende Grundlage für den Einsatz dieses Medikaments. Es stehen jedoch noch die endgültigen Ergebnisse größerer klinischer Studien aus.

Der wichtigste Rat, den man Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom geben kann, dürfte sein, dass sie sich in einem Zentrum für Eierstockkrebs beraten lassen sollten. Dies sind große gynäkologische Kliniken, die sehr viele Patientinnen mit dieser nicht ganz häufigen Erkrankung behandeln und auch selbst wissenschaftlich aktiv sind. Dort ist die Expertise sicherlich am größten. Auch die Therapiemöglichkeiten sind am vielfältigsten und immer orientiert am aktuellen Stand der Wissenschaft. In solchen Zentren können Patientinnen selbst an klinische Studien teilnehmen, was für sie den Vorteil bringt, dass sie eine hochstandardisierte Therapie und gegebenenfalls neue, potentiell vorteilhafte Substanzen erhalten. Sie tragen damit außerdem dazu bei, unser Wissen über das Ovarialkarzinom zu vermehren und bessere Behandlungsstrategien zu entwickeln.

 

Frau Dr. Darb-Esfahani, vielen Dank für das Gespräch.

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